Hin- und hergerissen zwischen Google, Twitter, E-Mail und Facebook
Elisabeth Frey am 19. August 2009

Frauen denken, sie seien besser im Multitasking als Männer. Wer wirklich bessere Voraussetzungen für diese Fähigkeit besitzt, bleibt weiterhin unklar. Sicher ist, ein zu hohes Mass an Multitasking belastet den Menschen.
Eduard Kaeser, Philosoph und Physiker befasst sich mit den Technologien des Webs und wie sich die Nutzung auf die Menschen auswirkt. Der 61-jährige Berner bezeichnet sich selbst als altmodisch, wenn es darum geht, neue Technologien anzuwenden. Er benutzt sein Handy, wenn er es wirklich braucht und Freundschaften pflegt er lieber von Angesicht zu Angesicht als im Facebook. Dennoch tappt auch er manchmal in die Falle, wie viele andere Internetsurfer auch: Man möchte nur schnell etwas nachschauen – und schon klickt man sich stundenlang durch den Seitendschungel, gelangt zu neuen Themen, wechselt zwischen Google, E-Mail-Account, Twitter und Facebook und weiss bald nicht mehr, was man eigentlich im Netz suchen wollte.
Natürlich sind Männer wie Frauen in der Lage, eine Zwiebel zu schneiden und sich gleichzeitig zu unterhalten oder ein Buch zu lesen und dabei Musik zu hören. Jedoch würden viele Menschen am Liebsten zehn Dinge gleichzeitig erledigen. Tun sie es, werden sie kribblig, impulsiv und ruhelos, und auf lange Sicht sinkt ihre Leistung. Die enorme Datenflut verkraftet unsere Psyche nur schlecht, sie überfordert das Gehirn. Die Technologie verspricht, seinen Nutzer zu entlasten, kann aber auch zum Gegenteil führen, sie belastet ihn.
Trotz der negativen Folgen scheinen viele Menschen ein Leben ohne ständige Mehrfachbeschäftigung nicht auszuhalten. Seit etwa fünf Jahren machen Psychologen und Neurologen auf die Folgen des Multitaskings aufmerksam. In den USA befasst sich mittlerweile ein Forschungszweig mit der neuen Zivilisationskrankheit, der chronischen Zerstreuung.
Eduard Käser hat keine Patentrezepte, doch er möchte das Bewusstsein für das eigene Tun anregen. Er plädiert für eine Kultur der Aufmerksamkeit. Ein Ansatz wäre, kleine Fluchten vom digitalen Leben zu üben, analoge Fertigkeiten wiederzuentdecken: Anstatt ein SMS zu tippen, Gedanken mit Bleistift auf Papier niederschreiben. Einen Spaziergang machen, die frische Luft einatmen, den Wind spüren, dem Vogelgezwitscher lauschen. Entspannt einem Musikstück zuhören.
Der Gehirnforscher Gerald Edelmann hat herausgefunden, dass sich Gehirne den neuen Arbeits- und Lebensbedingungen anpassen. Vielleicht ist eine der nächsten Generationen besser vorbereitet auf den Umgang mit neuen Technologien.
Sendung Focus mit Eduard Käser, Radio DRS
Artikel, erschienen in der NZZ am Sonntag
Mehr zum Thema: Konzentration vs. Zerstreutheit
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